Libanon 2

Update: 18.10.2021

 

Libanon Zwei

Mein Trip nach Tripolis

 

Kirchen, Klöster und Kapellen
Hohe Berge, tiefe Täler
Hitze und Kälte

 

Und der unglaubliche Irrglaube eines wahnwitzigen verrückten Autofahrers

 

Zehn Tage Schrecken und Todesangst
Zehn Tage Furcht und Lebensgefahr
Zehn Tage Schmerzen
Aber auch zehn Tage Entdeckungen, Spaß und Freude

 

Eine Expeditionsreise ins Morgenland mit einem total bekloppten Phönizier
(Dieser legt größten Wert darauf, KEIN Araber zu sein!)

 

Beirut, Bekaa-Ebene, Anjar, Bechwat, Biblos, Tripolis, Junieh, Jeita

 

September/Oktober 2021

Von Wilfried R. Virmond

 

Eine Karte unserer Route erübrigt sich hier an dieser Stelle.
Google Maps läßt es leider gar nicht zu, eine ordentliche Reiseroute zu erstellen.

Achtung, ich verwende die alte Rechtschreibung!

 

 

Biblos

 

Wie froh bin ich, daß ich weg bin! 15:45 Uhr. Nach vier Stunden Flugzeit sind wir planmäßig in Beirut „Rafic Hariri International Airport“ (BEY) gelandet. Endlich konnte ich mal wieder am Beginn eines langen Kondensstreifens sitzen. LH-Käpt’n Markus Ziegler hat mich vorm Start in Frankfurt sogar einen Blick in sein Cockpit werfen lassen.

 

 

Deutlich waren unterwegs der Flughafen München und Wasserburg am Inn zu erkennen:

 

 

In der Business-class hat man die unschönen Corona-Putzfrauenkittel endgültig ausgezogen und an den Nagel gehängt – und serviert auch wieder anständiges Essen. Und Trinken! Nur die lästigen Masken müssen davor und danach noch immer getragen werden.

 

Landeanflug Beirut

Die Immigration war kurz und durchaus einfach. Jetzt ist es kurz nach vier und ich nehme meinen Freund Nassib herzlich in die Arme. Nach über einem Jahr bin ich wieder im Libanon. Als wir aus dem Terminal rauskommen, umfängt mich wohltuende Wärme. Immer noch 30 °C am Nachmittag. Zuhause war es doch schon manchmal herbstlich kühl.

 

My friend Nassib and me

 

Wir beide steuern auf einen schwarzen ordentlichen GMC SUV zu. Ein sympathischer schlanker Typ steigt aus. Nassib stellt ihn als einen Verwandten vor. Alain.

 

Monsieur Alain

 

Alain fährt uns in unser nahegelegenes Hotel. Nassib hat dort für uns beide eine Suite gebucht. Ganz oben. Unsere heißt „Switzerland Mountain“; es gibt noch eine Handvoll weitere länderspezifische Suiten. Naja, innen ist sie Geschmackssache, viel dunkles Holz, mir zu dunkel. Aber okay. Dusche in der Badewanne, schrecklich-ekliger Duschvorhang. Libanesischer Luxus; was die halt darunter verstehen. Die geforderten umgerechnet siebzig Euro halte ich in Anbetracht der Nähe zum Flughafen gerade noch für angemessen.

 

Schöne Aussicht aus unserer Suite. Mit Balkon. Nach Süden.  🙂 

Wir haben uns viel zu erzählen. Danach bummeln wir noch etwas durch die Straße und kehren zurück, um im Hotel zu Abend zu essen.

 


Am nächsten Morgen holen wir schräg gegenüber unseren Mietwagen ab. Das ist mal wieder einfach. Nassib hat ihn hier auf meinen Wunsch gebucht. Mit seinem uralten stinkenden und kaputten /8 wollte ich unter gar keinen Umständen mehr fahren! Wir bekommen einen schwarzen kleinen schmutzigen Kia Picanto mit Automatik, an dem offenbar noch alles funktioniert. (180 Dollar für neun Tage. Wenn ich ihn gebucht hätte, wäre es nur wenig billiger geworden. Aber so ist es einfach einfacher.)

 

Nassib bucht unser Auto.

 

Letztes Jahr ging es ja aus bekannten Gründen leider nicht mehr. Diesmal zeigt mir Nassib endlich den Hafen, in dem letztes Jahr, am 4. August 2020, zwei Tage vor meiner Ankunft, die riesige Explosion alles Umliegende zerstört hatte. Inzwischen ist das meiste repariert, Fensterscheiben wurden eingesetzt, Hausfassaden erneuert, Hausruinen abgerissen und neue Hochhäuser gebaut. Andere werden gerade hochgezogen, es gibt aber auch noch ein paar wenige Trümmergrundstücke und fensterlose Hochhäuser. Warum auch immer.

 

 

Wir fahren dreißig Kilometer nach Süden am Mittelmeer entlang.


Dann geht es nach Osten in die Berge zu Alain nachhause in Deir Al Qamar, wo ich seine komplette Familie kennenlerne: Er und seine Frau, dazu Alains Vater, der Opa, drei hübsche Teenie-Töchter und zwei Söhne. Es gibt Abendessen. Und später kommen noch ein paar Leute aus der größeren Familie hinzu.

 

Alains Familie. V.l.n.r.: Nassib, Alain, Mama, Catérine, Charbel, Evelyne, Christine mit Freundin

Wahnsinn: Es gibt eine Hausbar mit wirklich zig ungeöffneten Whiskyflaschen. Angeblich für die Hochzeit eines der Söhne. Unglaublich, wenn man es nicht selbst gesehen hat.

 

 

Ungewohnt für libanesische Verhältnisse: Die gesamte Wohnung ist blitzsauber! Wir schlafen auf den beiden Sofas im Wohnzimmer.

Nächster Tag. Die Sonne scheint. Heute fahren wir in meinen Wunschort: Bechwat (Bechouat) im Bekaatal (Beqaa). (Die Schreibweisen differieren ständig im Libanon.) Eine wunderschöne Kirche, die ich auf meiner letzten Libanonreise bereits besucht habe. Und eine kleine Kapelle direkt daneben. Ick freu mir schon wie Bolle drauf!

Alains beiden Söhne und ein Freund quetschen sich auf den Rücksitz unseres Kia. Dazu mein mittelgroßer Koffer und einiges mehr an Gepäck ganz hinten im Kofferraum, sodaß die Lehne nicht ganz zurückgeht. (Ich bedauere die drei da hinten. Ich möchte jedenfalls nicht hinten sitzen müssen! Und dann auch noch den ganzen Tag! Dabei hätten wir unser Gepäck ganz einfach hierlassen können.) Libanesen sind halt manchmal schwer zu verstehen…

Nassib hat inzwischen leider nichts dazugelernt! Er rast noch immer wie der leibhaftige Shaytan (Teufel) lebensgefährlich um die Ecken und Kurven und über die holprigen Straßen. Und über fast alle Bremsschwellen, meistens ohne abzubremsen! Oder er bremst nur ganz kurz vorher mit Vollbremsung. Danach wieder Vollgas. Der arme kleine Kia leidet schwer. Ich noch mehr! Am meisten aber mein Rücken. Auf meinen Wunsch, endlich langsamer zu fahren, reagiert Nassib nicht. Er rast weiter wie ein Irrer! Wie schon letztes Jahr. In seinem kranken Hirn begreift er es nicht! Immer wieder auf unserer Reise muß ich mir von ihm anhören, daß er der weltbeste Autofahrer ist. Die Jungs hinten lachen über ihn und bemitleiden mich immer mehr. Aber er ändert seine Fahrweise nicht.

Auf unserm Weg besuchen wir die Statue von St. Charbel gleich unten im Tal. St. Charbel ist der im Libanon meistbekannte und angebetete Heilige. Überall werde ich ihn unterwegs auf meiner Reise wiedertreffen.

 

Dann folgt ein sehr großer und sehr alter Sommerpalast des Präsidenten. Palais de Beit Ed-Dine. Letztes Jahr war hier kein Einlaß in die Räumlichkeiten. Heute dürfen wir rein. Erstaunlich, was sich die Regierenden früher, vor hundert, zweihundert Jahren auf Kosten ihres Volkes an Luxus erlaubt haben. Einschließlich Harem und Hamam. Sie mußten es ja nicht bezahlen. Aber das ist heute ja noch ganz genauso. Im Internet ist zu lesen, daß es hier in normalen Zeiten jährlich ein Sommerfest mit bis zu 5.000 Leuten gibt.

 

Ein paar uralte Römer-Mosaiken gibt es auch zu bestaunen:

 

 

Wikipedia:  Palais de Beit Ed-Dine

 

Fast sämtliche Tankstellen im Libanon sind seit Tagen geschlossen. Kein Benzin mehr! Vor ein paar ganz wenigen Tankstellen, die noch etwas Benzin haben, kilometerlange Staus. Trotzdem, die andern um uns herum fahren wie verrückt, als gäbe es gar keine Benzinknappheit. Nassib sagt mir dazu, daß fast jeder Libanese sowieso einen größeren Benzinvorrat im Haus hat. Frankreich hat dem Libanon vor ein paar Tagen neue hohe Kredite gegeben und so hat der Iran vertrauensvoll Öl in den Libanon geliefert. Schon in den nächsten Tagen soll der Nachschub eintreffen. Unser Kia ist erfreulicherweise vollgetankt; Nassib hatte darauf bestanden. Und bei der Rückgabe spielt der Benzinstand keine Rolle. Ja, ungewöhnlich, aber wir sind ja auch im Libanon.

Fast alle Tankstellen im Libanon: Kein Benzin!

 

Einschub von mir: Nicht nur das Benzin (und der Diesel) sind knapp im Land. Es mangelt leider auch heftig an wichtigen Medikamenten und anderen lebensnotwenigen Waren. Sogar Strom wird immer knapper, weil nur noch sehr wenig davon produziert wird. Immer öfter müssen örtliche Generatoren einspringen, für die aber auch immer weniger Diesel vorhanden ist. Dazu die katastrophale Hyperinflation.

Auf den Libanon kommen schon wieder schwere Zeiten zu. Schuld an allem Übel sind die korrupten und verbrecherischen Politiker ganz oben im Parlament, die das Volk so hart darben lassen.

 

Wie bereits im letzten Jahr müssen wir wieder steile Berge hinauf, um auf die Schnellstraße Richtung Beeka-Tal zu kommen.

 

 

Oben angekommen geht’s gleich wieder runter und bald kommen wir durch Zahlé und zu unserem nächsten Zwischenziel, den Ruinen von Anjar aus dem 7. und 8. Jahrhundert. Leider ist das komplette Gelände heute geschlossen. Aber zwei namentlich nicht benannten Leuten aus unserer kleinen Gruppe gelingt es, von möglichen Wächtern unbemerkt, über Drahtzaun und Steinwall dort einzudringen und heimlich ein paar Fotos aufzunehmen; leider mangelt es an der Qualität dieser Fotos, sodaß ich einen Teil aussortieren mußte.

Ich muß mir das alles nicht antun und bewache derweil lieber unser Auto.

 

 

 

Eine komplett neue, sehr modern aussehende Autobahn (mit langen Tunnels durch die Berge) wird hier gerade gebaut. Ein paar wenige Kilometer fahren wir schon auf ihr. Nächstes Jahr werden wir sie vielleicht schon komplett befahren können.

 

Dann reisen, äh, nein, rasen wir in unseren heutigen Zielort: Bechwat (Bechouat, Beshouat). Hier soll Unsere Liebe Frau von Bechouat, die Heilige Jungfrau Maria, eines von wenigen wirklich wichtigen Marienheiligtümern hier im Libanon, ein paar Wunder bewirkt haben und ich hoffe, daß ein bißchen Segenskraft auch mir zugutekommt. Kapelle und Kirche strahlen wirklich eine deutlich zu fühlende Ruhe aus. Doch leider hat mich Nassibs Raserei vorher völlig durcheinandergebracht, sodaß ich lange warten muß, bis ich die heilende und heilige Kraft endlich spüre.

 

Wir essen nach der christlichen Erbauung noch etwas und besuchen „den größten Rosenkranz der Welt“. Die Mönche hier im Kloster haben „hundert“ kleine runde Häuschen gebaut und dies dürfte weltweit auch einzigartig sein. Die Kette zieht sich weit dahin. Wenn mal alles fertig ist, wird man hier durchwandeln und beten können. Letztes Jahr hatte ich während des Vorbeirasens nur einen winzigen Augenblick darauf erhaschen können.


Die Sonne geht bereits langsam unter und flugs geht es im Dunkeln zurück nach Deir Al Qamar zu Alain und Familie, um die drei braven Jungs zurückzubringen, und dann fahren wir gleich weiter zu Nassibs in der Nähe gelegenes Haus und übernachten dort.

Nächster Morgen. Die Aussicht aus Nassibs Haus ist unverändert schön.

 

 

Nur innen ist es noch etwas chaotischer, libanesischer geworden. Im Garten Nassibs gibt es unglaublich viele Gemüse- und Obstsorten, alle wildwachsend, alles biologisch, Nassib weist mich ständig darauf hin, von denen wir allerlei pflücken bzw. abschneiden und wir bereiten uns damit und mit ein paar Eiern ein sehr gutes und schmackhaftes Frühstücksomelette zu. Hummus ist natürlich auch dabei.

 

 

Ein Bekannter hat mich gebeten, ein paar Recherchen im nur fünf Kilometer entfernten Deir el-Moukhalles vorzunehmen, was ich natürlich gerne mache.

Internet: Ein paar Kilometer hinter dem Dorf Joun liegt ein griechisch-katholisches Kloster, das als Deir el-Moukhalles (Kloster des Heiligen Erlösers) bekannt ist und auf duftende Obstgärten und bewaldete Hügel blickt. Es wurde 1711 gegründet und steht an einem noch älteren Standort. Das Kloster besitzt eine schöne alte Kirche und eine Sammlung von Ikonen, Manuskripten und religiösen Gegenständen.

Wichtig ist meinem Bekannten, zu erfahren, was mit der Urne einer ehemals halbwegs prominenten Dame aus dem frühen 19. Jahrhundert passiert ist. Nach einigem Hin und Her finde ich Father Makarios, der mich auf meine Bitten hin durch die Sakristei und ein paar weitere allerheiligste Räume führt, bis wir schließlich in der Gruft bzw. im Kolumbarium sind und ganz oben zeigt er mir dann eine winzig kleine braune Urne, in der sich die Asche der damals recht abenteuerlustigen Dame befindet bzw. befinden soll. Große Ehre für mich: Hier kommt in der Regel nur ganz selten mal ein Besucher hin. Ich mußte ganze Überzeugungsarbeit leisten.

Da oben steht die bewußte Urne…

 

Im Übrigen befinde ich mich hier in einem sehr wohlhabend aussehenden Gebäudekomplex. Es gibt eine Weiterbildung für Studenten. Dazu hat man offenbar größere Ländereien mit Weinstöcken und Olivenbäumen.

 

 

Nachdem wir um die Ecke noch eine Stippvisite bei einer von Nassibs befreundeten Familien gemacht haben, fahren wir weiter runter nach Sidon (Saida) und besuchen dort ein weiteres meiner Wunschziele hier auf dieser Reise: Der halbwegs berühmte Eshmoun-Tempel.

Internet: Der Tempel von Echmoun ist ein altes Kultzentrum für den phönizischen Gott der Heilung von Echmoun. Dieser Tempel befindet sich in der Nähe des Awali-Flusses, etwa zwei Kilometer nordöstlich am Stadtrand von Sidon im südwestlichen Teil des Libanon. Die Stätte war zwischen dem 7. Jahrhundert v. Chr. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr. bewohnt, was auf eine wichtige Beziehung zur Nachbarstadt Sidon hinweist.

Leider ist hier alles nicht wirklich spektakulär und auch etwas vernachlässigt, aber durchaus noch immer sehenswert. Es gibt einen Wächter am Eingangstor, aber er verlangt kein Geld.

 

Hoodie gegen die Hitze und Sonne

Über die lebhafte Autobahn geht es jetzt nach Norden am Airport vorbei und erneut nach Beirut.

 

 

 

Hier „muß“ unbedingt erst einmal ein Eis gekauft werden. (Ich lehne es dankend ab, man weiß ja, kein unverpacktes Eis!)

 

 

„Frisch gestärkt“ geht es weiter nach Jounieh, der siebtgrößten Stadt des Libanon. Nassib bucht hier in der Kaserne ein Zimmer für sich und wir trinken im Restaurant ein kühles Bier. So, wie ich es verstanden habe, gibt es im Libanon nur zwei Biersorten, „Almaza“ und „Beirut“. Beide sind aber ganz okay und nicht so herb. Angenehm: Es gibt eine Schale Nüsse dazu. Nassib ist hier öfter zu Gast und er möchte es mir einfach mal zeigen. Hier fühlt er sich wohl und kann hier nach Herzenslust im Pool und im Meer schwimmen. Ein angenehmer und sauberer Ort. Weil die Zimmer hier sehr einfach sind, suchen wir uns noch ein nahegelegenes kleines Hotel, wo ich selbst dann unterkommen werde. Mir wird abends jedoch schnell bewußt, daß dieses Zimmer wahrscheinlich auch nicht besser als Nassibs Zimmer sein dürfte. 20 Dollar = 17 Euro. Aber ich bin alleine. Is‘ mir lieber. Und wozu brauche ich eine TV-Fernbedienung oder ein WiFi-Paßwort…

 

 

Zurück in der Kaserne nehmen wir ein recht angenehmes und ausgiebiges Abendessen auf der eleganten Terrasse am Meer ein und Nassib bringt mich dann erneut zum Hotel.

Das ist so im Libanon: Jetzige und ehemalige Militärangehörige können in den Hotels der Kasernen von einfach bis luxuriös essen und übernachten. Und dies alles zu unglaublich niedrigen Preisen. Privatpersonen dürfen mitkommen. Und: Je nachdem, ob die Kaserne im Moslem- oder im Christengebiet liegt, gibt es Alkohol oder keinen.

Am nächsten Morgen holt mich Nassib ab. Neun Uhr war ausgemacht. Tatsächlich ist es 10:40 Uhr, als er schließlich ankommt. Das ist halt arabischer Lebensstil. Da darf man nicht meckern; er würde es doch nicht verstehen.

Wir tanken diesmal an einer Tankstelle, die über Nacht wieder ihre Tanks aufgefüllt bekommen haben, und nehmen in der Nähe unser Frühstück ein: Ein sehr gutes halbes Hähnchen mit Hummus (Hommos gesprochen), Oliven, Knoblauchcrème, Quark, Tomaten, Fladenbrot. Und Tee. (Den Hummus, den man hier bei uns kaufen kann, kann man getrost vergessen. Selbermachen gelingt mir auch noch nicht so ganz. Der Kurs mit Nassib zum Hummusselbermachen ist leider ausgefallen.)

Gleich nach dem Losfahren knallt es heftig. Nassib stört es nicht, er fährt davon unbeeindruckt weiter. Verwundert sehe ich, wie sein Lenkrad vibriert und kann es nicht glauben. Nassib bleibt weiter gelassen. Schließlich bitte ich ihn, anzuhalten und fordere ihn auf, endlich mal nachzusehen. Wie kann man nur so unsensibel, nein, derart gefühllos sein? Wie erwartet: Linker Vorderreifen geplatzt! Ist aber nicht wirklich schlimm, wir haben ein gut gefülltes Notrad und sogar sämtliches notwendiges (!) Werkzeug im Auto. Nassib wechselt das Rad. 

 

 

Ein paar Minuten später nach dem Weiterfahren kommen wir an einer Reifenwerkstatt vorbei und lassen einen neuen (gebrauchten, billigen) Reifen montieren; Ersatzrad kommt wieder an seinen Platz im Kofferraum zurück. Alles nicht teuer. 200.000 Libanesische Pfund. Umgerechnet ca. 20 Euro. Der Libanon ist billig. (Ich weigere mich, mir vorzustellen, was uns bei seiner bekloppten, wahnwitzigen Raserei bei Vollgas mit dem Reifenplatzer alles hätte passieren können.)

 

Jetzt ist wieder ein weiteres Highlight dran: Die weltberühmte Jeita-Grotte. Aber, leider, montags ist sie geschlossen! Heute ist Montag. Fuck!!! Die Libanesen spinnen! Naja, nicht zu ändern. Und die Grotte war mir doch soo wichtig! Nassib beruhigt mich, wir werden sie später noch einmal besuchen. Wir wenden und fahren an der Küste über die Autobahn weiter nach Norden, nach Biblos (Byblos).

Hier gilt es die Reste einer weltbekannten Kreuzfahrerburg aus dem beginnenden 12. Jahrhundert zu besichtigen. Ich erklimme auf Nassibs Bitte über hohe anstrengende Stufen auch den Turm, aber weigere mich, anschließend auch noch im weitläufigen Gelände rumzulaufen. Zu heiß!

 

 

Wikipedia: Burg Gibelet im Libanon

Von hier, Biblos, sollen die Ursprünge unseres heutigen Alphabets stammen. Außerdem geht der Name „Bibel“ auf Biblos zurück.

Wir bummeln noch durch eine kleine, saubere Straße mit hübschen Andenkenläden und landen durch ein offenstehendes kleines Tor ganz unerwartet im „Centre International des Siences de l’Homme in Bylos“ der UNESCO, wo ich mir eine ebenso langatmige wie langweilige Erklärung zum Zweck dieser Einrichtung anhören „muß“. Aber wir sitzen in einem kühlen und überaus sauberen, wohltuenden Gebäude und können etwas trinken – und uns etwas ausruhen.

 

Danach geht es in die Berge und am späten Nachmittag checken wir dann im Kloster Couvent St. Maroun ein. Hier wird ein alter im ganzen Libanon unglaublich berühmter Mönch verehrt. Saint Charbel. Von ihm sind zahlreiche („zehntausende“) wundersame Heilungen bekannt und auch belegt.

 

 

 

Ein extrem sauberes angenehmes Zimmer mit drei ebensolchen Betten und mit wunderschöner Aussicht und schönem Bad kostet lediglich fünfzehn Euro. Obwohl es erst Nachmittag ist, fällt Nassib wie tot ins Bett und wird sich bis zum nächsten Morgen nicht mehr rühren. Geräusche zeigen mir aber ständig an, daß er noch lebt.

Morgens erhalten wir ein winziges kostenloses Frühstück. Danach folge ich Nassib zur Worship (Gottesdienst) in der wunderschönen Kirche. Im Libanon gibt es überhaupt ebenso unzählige wie extrem saubere und schöne Kirchen und Kapellen. (Ich werde am Ende noch ein Extrakapitel mit weiteren nur solchen Fotos beifügen.)

 

In Lehfed wird eine uralte Einsiedlerunterkunft besichtigt. „House of Brother Estephan of Lebanese Maronite Order“. Die meisten Christen im Libanon gehören übrigens den sympathischen und friedlichen Maroniten an.

Ständig habe (und werde ich) Schüsse überall im Land hören. Tag und Nacht. Meistens gilt dieses Geballer armen, unschuldigen Vögeln. Bunten Singvögeln. Hier sehe ich einen dieser abscheulichen, widerwärtigen, schrecklichen Vogelmörder, der bereits zehn, fünfzehn abgeknallte bemitleidenswerte arme tote Vögel stolz ausgebreitet hat. Er widert mich an! Am liebsten würde ich ihm sein Gewehr abnehmen und ihn gleich an Ort und Stelle abknallen!!!

Und schon wieder ein Gottesdienst. Diesmal oben auf einem Berg und unter freiem Himmel. Wir kommen gerade rechtzeitig, zum Ende. Die Aussicht ist natürlich wieder überwältigend. Von hier sehen wir unser Kloster, in dem wir gerade übernachtet haben.

 


Anschließend rast Nassib steile Berge hinauf, immer weiter geht es nach oben. Im ganzen Land gibt es wirklich unzählige, noch prallvollhängende Apfelbäume und Olivenhaine. Die Apfelernte beginnt gerade; sie werden gerne in viele andere arabische Länder exportiert. Auch hier oben in dieser Höhe wachsen Apfelbäume. Kennt man denn im Libanon keine Baumgrenze? Okay, ich weiß es natürlich, es liegt am Klima.

 

 

Wir sind bestimmt schon über zweitausend Meter hoch, als wir oben an einer, ja, Überraschung, weiteren Kirche anhalten. Sie ist aber geschlossen. Die Küsterfamilie ist mit Nassib befreundet und wir werden beide zum Imbiß und zu einem anschließenden Nap (Mittagsschläfchen) eingeladen. Nassib nutzt alles. Alles, was nichts kostet, alle Essensreste, alles wird genutzt und/oder aufgefressen, ähm, sorry, aufgegessen. Jeder Teller, auch der meinige, wird von ihm immer mit Fladenbrotstückchen blitzsaubergemacht. Ich finde das persönlich nicht so gut, deshalb habe ich diese Angebote schon mehrfach ausgeschlagen und bleibe lieber im Auto sitzen. Oder laufe etwas rum. Nach meiner Meinung darf man die Gastfreundschaft armer Leute auf gar keinen Fall auf diese schamlose Weise ausnutzen. (Ich weiß nicht, wie Nassib reagieren würde, wenn all diese Leute mal ihn besuchen würden.)

Nach zwei Stunden kommt Nassib mit vollen Tüten zurück ans Auto und wir fahren endlich weiter. In Hasroun übernachten wir in einem kleinen Hotel.

 

 

Nassib hat ja noch die vollen Taschen der Leute oben auf dem Berg. Ich nehme mir lieber das Auto und fahre ein Stückchen herum, um mir schließlich in einem winzigen Laden ein paar Sachen fürs Abendessen zu kaufen, die dann auch noch fürs Frühstück reichen. Den Rest packt sich Nassib ein, wie gewohnt. (Okay, besser, als alles wegzuwerfen.)

 

 

Neues Ziel hier in den Bergen: Die Kirche St. Charbel in Bekaakafra. Schöne Kirche mit einem ebenso schönen und berühmten Denkmal. Und um die Ecke gleich nochmal eine Kapelle und eine Höhle, wo der heilige St. Charbel natürlich auch verehrt wird. Er ist im Libanon allgegenwärtig.

 

Weiter geht’s. Ganz hoch hinaus. Wir sind schon wieder deutlich über zweitausend Meter. Überall gibt’s Hinweisschilder für Wintersport. Wir halten mal wieder vor einer Kaserne. El Arz. Hier hat Nassib für uns zwei Zimmer gebucht. El Arz Officers Club. Sehr nobel. Für libanesische Verhältnisse. Im Winter, bei Schnee, ist hier monatelang alles für Soldaten und ihre Angehörigen ausgebucht. Libanesen sind verrückt nach Wintersport.

Meinem Zimmer muß ich diesmal das höchste (libanesische) Spitzenlob erteilen. Groß, Eckzimmer, zwei Fenster, sehr sauber, schönes breites Bett, TV mit wirklich 348 Kanälen, angenehmes Bad (sogar mal mit Duschabtrennung!), ein bißchen Aussicht. Komfortabel. Und endlich kann ich zum ersten Mal alleine schlafen, ohne mir die ständigen Geräusche und Schreie Nassibs des nachts anhören zu müssen.

 

 

 

Am späten Nachmittag setzen wir uns auf die Terrasse und bestellen unser Abendessen. Was’n jetz‘ wieder los? Der Ober flüstert Nassib während der Bestellung unter vorgehaltener Hand etwas ins Ohr. Nassib übersetzt: Der Blödmann verlangt tatsächlich, daß ich meinen winzigkleinen Ohrstecker rausnehme! Die spinnen doch echt, die Libanesen! Okay, ich will natürlich keinen Streit und folge Nassibs Bitte brav und ergeben, nicht, ohne danach meinen Kopf noch stundenlang schütteln zu müssen. Mein Bauchnabelpiercing und meine Metallringe in der Bikinizone (oder heißt es bei Männern „Unterhosenzone“?) dürfen drinbleiben. Nur gut, daß niemand meine Intimtattoos sieht…

Nassib erklärt mir dazu, daß die libanesische Armee keinen Mann und keine Frau aufnimmt, die ein Piercing oder gar ein Tattoo haben, egal ob sichtbar oder unsichtbar. Naja, das kann ich ja noch verstehen und finde es sogar gut, aber bei mir als ausländischer Privatperson? Und wenn ich jetzt ein deutscher Minister wäre, der hier jetzt irgendeine Kaserne besuchte? Oder ein berühmter Schauspieler?

Danach gehen wir schlafen. Hier bin ich endlich mal wieder sehr zufrieden. Glücklich. Diesmal hab ich gewonnen! Ich hab das bessere Zimmer! Es folgt ein schöner Sonnenuntergang. Nur für mich, Nassibs Zimmer geht nach Osten.

 

Auch das Frühstück ist nicht schlecht. Das Restaurant ist riesig. Im imposanten dreistöckigen Atrium des Hauses. Außerdem gibt es auch noch eine Terrasse. Allerdings: Die Speisekarten gibt es hier verständlicherweise nur in arabischer Sprache und Nassib übersetzt mir (unwillig) nur ein paar wenige Speisen. Aber Omelette und Käsecroissant sind letztlich super. Dazu wie immer Tee. Der überall gegenwärtige libanesische Kaffee mit widerlichem Bodensatz ist schrecklich. Mein Gaumen fühlt sich dadurch jedes Mal schwer beleidigt! Diese Plörre sollen sie selber saufen!

 

Es geht heute wieder runter ins Tal. Viele Kirchen, Klöster und Kapellen wollen ja noch von uns unbedingt besucht werden. Unterwegs tanken wir, obwohl wir noch über halbvoll sind. Alle, fast alle Tankstellen sind längst wieder offen, auch hier oben in den hohen Bergen, und spenden lebenswichtiges Labsal. Ein Liter 95er Benzin kostet etwa einen Euro.

Wenn ich vorher gewußt hätte, wo es heute hingeht, hätte ich wahrscheinlich Lazarus gespielt und mich totgestellt: Nassib rast mit mir in gewohnter Weise wie bekloppt einen winzigkleinen Fahrweg mit atemraubenden Kurven und scharfen Windungen einen steilen Berg hinunter ins tiefe Tal. Bremsen und/oder Ausweichen wäre bei dem Tempo jedenfalls unmöglich. Gottseidank kommt uns niemand entgegen. Wir sind im „Wadi Qadisha, einem Weltkulturerbe mit faszinierender Natur“.

 

 

 

 

 

Wikipedia:  Wadi Qadisha

Ganz, ganz unten geht die Jagd mit einem Sprung über die Brücke eines kleinen Bachs und kurz wieder den Berg hinauf. Hier befindet sich das Grab des Mönchs „Antonios Tarabay al Tannoury“. Alle hier im Libanon von uns beiden besuchten Heiligen sollen Wunder bewirkt haben. (Hoffentlich bekomme ich auch ab und zu mal eines davon ab.)

Es gibt hier die Kapelle und die ehemaligen Wohnräume des berühmten Mönchs und Einsiedlers zu besichtigen. Alles wie immer sehr sauber und aufgeräumt. Da kann ich wirklich nicht meckern. Aber wir sind ja stets in christlichen Gegenden; hausten hier Moslems, sähe es oft ganz anders aus…

 

 

 

Es ist heiß hier unten im Tal. Ich muß am Ende noch ein paar Minuten auf Nassib warten. Und da passiert es: Irgendein bescheuertes, wollüstiges, hundsgemeines Insekt sticht oder beißt mich in die linke Hand, die dummerweise gerade hinter meinem Rücken hängt. Ich sauge den kleinen roten Punkt gleich mehrmals aus und hoffe inständig, daß nichts folgt. (Aber leider schmerzt die Handoberfläche und wird mich noch viele Tage jucken.)

So wie es runterging, geht es rauf. Aber, ich habe ja immer Glück und Segen von ganz oben, kein Auto kommt uns entgegen, sodaß Nassib seiner Lust zum Rasen in voller Fahrt nachkommen kann. Wie ein Rallyefahrer. Gibt es im Libanon Rallyes??  Ich mach mal wieder öfters, wie schon so oft, die Augen zu. Ich hoffe nur, daß mein Video für zuhause deshalb nicht allzu verwackelt wird.

Zurück in der Kaserne gibt es einen ausgiebigen, wieder unglaublich preiswerten Lunch. Danach „muß“ Nassib schlafen gehen. Wir wollen uns in einer Stunde um 15 Uhr wieder treffen, zu einer Exkursion, indes, er kommt nicht, späteres Klopfen an der Tür bringt nichts, Anrufen auch nicht, ich warte und warte, nichts, also lege ich mich auf mein wunderschönes breites Bett und schlummere ein bißchen. Ist er vielleicht heimlich weggefahren und hat mich hier im Stich gelassen? Ich seh mal nach. Nein, der Kia steht unverändert brav auf dem Hof.

Bis abends hat sich Nassib nicht gemeldet. Abendessen fällt also aus. Und unsere für den Nachmittag geplante Wanderung durch aufregende Zedernwälder natürlich auch. Schade. Ich hatte mich schon sehr darauf gefreut. Wanderschuhe unnötig mitgenommen.

Morgens ist immer noch nichts von Nassib zu sehen! Ich warte lange auf ihn und muß mir dann mein Frühstück alleine bestellen. Der Einfachheit halber nehme ich alles wie gestern. Da kann ich keinen Fehler machen.

Nach dem Frühstück warte ich noch immer. Nichts von Nassib! Unser Auto steht noch immer da. Ist er vielleicht tot? Bei seiner Fülle (140 kg auf 1,75 Meter) könnte ja leicht etwas passiert sein. Jedem Kommunikationsweg komme ich nach. Nichts. Kein Erfolg. Ich packe meine Siebensachen zusammen und checke schonmal aus und warte eine weitere Stunde auf dem Sofa in der kleinen Rezeption. Nichts! Dann lasse ich von der hilfsbereiten und endlich mal englischsprechenden Mitarbeiterin Nicole bei ihm anrufen. Nichts! Keine Antwort! Nochmal! Länger! Sehr viel länger läßt sie es jetzt klingeln. Endlich nimmt jemand am andern Ende ab und er meldet sich, ich höre es! Jubel! Erleichterung! Ich möge noch eine Stunde warten, dann käme er „sofort“ runter.

Naja, er ist der Boss und ich bin nur der Gast. Das habe ich ihm unterwegs schon sehr oft genau so gesagt, weil er es mich schon oft spüren lassen hat. Kein Widerspruch von ihm. Meinen Wink mit dem Baumpfahl merkt er gar nicht. Ist vielleicht libanesischer Brauch so. Oder levantinisch. Oder arabisch. Oder unhöflich…

11:15 Uhr. Endlich starten wir den Kia. Ich weigere mich, mit Nassib über die verlorene Zeit von gestern und heute zu reden. Er kennt ja sowieso kein schlechtes Gewissen.

Wir besichtigen gleich hier in der Nähe das kleine, saubere „Khalil Gibran-Museum“, in dem es eine ganze Reihe seiner (untalentiert aussehenden) Bilder gibt. Er war ein Maler, Philosoph und Dichter, der von 1883 bis 1931 gelebt hat.

 

Wikipedia: Khalil Gibran

Es gibt auch zwei, drei (vielleicht auch ein paar mehr) später erschienene Bücher in Deutsch von ihm. Im Nachhinein, wieder zuhause, bestätigt sich meine Meinung: Bei eBay sind seine Bücher zu Preisen zwischen ein und drei Euro kaufbar. Niemand kennt ihn hier, niemand möchte eines seiner Bücher besitzen, niemand möchte überhaupt etwas von ihm lesen. Die Bilder waren mir ein (ich entschuldige mich), ein Greuel. „Talentfrei“, dieses Wort fällt mir sofort ein. Aber hier im kleinen Museum ist ein angenehm ruhiger Ort, der durchaus zum Verweilen einladen würde, wenn Nassib nicht schon wieder zum Aufbruch drängeln würde. Okay, wir haben auch noch ein bißchen Strecke zu machen.

Wir waren jetzt ein paar Tage in den hohen Bergen, auf und ab, hoch und runter, mit ständigen Abgründen. Jetzt geht es erst einmal wieder runter, ganz runter, zurück ans Mittelmeer. Nach Tripolis, arabisch Trablos.

Tripolis! Hier wollte ich mein ganzes Leben schon immer hin! Und werde rasch bitterlich enttäuscht: Die Stadt ist grenzenlos schmutzig, sie befindet sich offensichtlich in moslemischer Hand, laut, staubig, vermüllt.

Wie so oft, wir machen nach einigem Suchen Halt in einer Kaserne, wo wir unseren Mittagstisch an einem runden Tisch einnehmen. Man würde ja meinen, Nassib wäre nach der vergangenen Nacht ein ausgeschlafenes Kerlchen, aber nichts davon, er will schon wieder ein Nap machen, ein Mittagsschläfchen, „aber nur ein Stündchen“.

Mir ist das zu blöd. Ich will mal raus und draußen ein bißchen herumlaufen. Gegen alle Ratschläge, die mir sofort von mehreren Leuten entgegenströmen, sogar noch am Tor der Kaserne! Die drei Soldaten dort wollen mich auch unbedingt zurückhalten und erst gar nicht rauslassen. Nett, wie sie sich alle Sorgen um mich machen. Aber nein, ich will raus und mal was sehen.

Qui se in periculo ponit, in eo perit. (Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.) Dieses alte lateinische Zitat aus meiner Schulzeit fällt mir gerade ein. Aber ich verdränge es schnell, dazu war ich schon viel zu oft in akuter Lebensgefahr und „Et hätt noch emmer joot jejange“. Ich buche es viel lieber unter Mutprobe ein. Oder, noch besser, als ganz normales Abenteuer.

Ich muß es schnell zugeben, alle Leute vorhin hatten Recht. Ich fühle mich sofort unangenehm beobachtet. Alles um mich herum ist kaputt. Entsetzlich. Sehr viele zerschossene Hausfassaden aus den Bürgerkriegen von 2011 und 2014, dazu verfallende Mauerreste, vor sich hin gammelnde Autowracks, verseuchte Schuttberge, unglaublicher Dreck, stinkender Müll und lauter Verkehr. Dazwischen aber auch ein paar Hochhäuser, die wieder ganz gut aussehen.

 

 

Ich laufe den Berg runter. Durch eine Militärsperre durch, Soldaten mit MPs, Schützenpanzer rechts und links. (Ob die jemals nochmal anspringen, so wie die aussehen?) Fotos natürlich ganz streng verboten!! Ganz unten gibt es einen Souk, Basar, arabischer Markt, mit den üblichen unzähligen kleinen Verkaufsständen. Klamotten, Gewürze, Kosmetik, Schuhe. Und viele Menschen. Viele Augen verfolgen mich verwundert, immer, ich spüre es.

Ein bißchen komisch komme ich mir hier ja schon vor. Die Härchen an meinem Rücken stehen eigentlich ständig, doch wider Erwarten komme ich auch hier unverletzt durch und wende mich bald dem Rückweg zu, eine halbe Stunde ist rum. Jetzt geht’s logischerweise einen steilen Berg hinauf. Die Leute lassen mich immer noch in Ruhe, niemand spricht mich unterwegs an, niemand raubt mich aus, niemand schleicht hinter mir her, um mich zu entführen oder gar zu töten, obwohl sich hier wohl selten (oder noch nie) ein Westler allein hergetraut haben dürfte. Ich nehme einen anderen Weg, es wäre mir sonst zu langweilig.

Alles geht wider Erwarten gut, ich finde überraschenderweise sogar direkt den Eingang unserer Kaserne wieder und werde auch reingelassen, setze mich auf einen Stuhl vor der Tür zum Offizierskasino und warte auf Nassib. Wow, da kommt er auch schon an, während er sich noch den Gürtel schließt. Das hab ich so schnell nicht erwartet! So kann es bei ihm also auch mal geh’n, aber selten, sehr selten.

Wir fahren wieder in die Stadt runter. Später lese ich „Tripolis ist der politische, wirtschaftliche und kulturelle Mittelpunkt sowie Verkehrsknotenpunkt des Landes“. Okay, aber ein ziemlich beschämender für die zweitgrößte Stadt des Landes.

Die Stadt wird durch einen winzigen „Fluß“ geteilt. Über diesen fahren wir jetzt inmitten des heftigen Nachmittagsverkehrs. Drüben, auf der anderen Seite sieht es auch nicht viel besser aus. Eigentlich genauso.

Tripolis, eine Stadt, die man sofort wieder vergessen sollte.

Die alte Kreuzfahrerfestung des Raimund von Toulouse aus dem 12. Jahrhundert ist, logisch, es ist nicht anders zu erwarten, heute geschlossen. Morgen ist sie wieder geöffnet. Schade drum.

 

Ähnlich der Hafen. Nassib möchte durch die Sperre, aber die Soldaten lassen uns nicht, morgen Vormittag sollen wir es nochmal probieren. Aber hier dürfte es sowieso nichts Besonderes zu sehen geben.

An der breiten Straße direkt am Meer gefällt es mir auch nicht. Schmutzig, „lebhaft“, levantinisch, schrecklich. Ich bin Nassib sehr dankbar, als er unsern kleinen Kia endlich am Stadion vorbei auf die Autobahn nach Süden lenkt.

 

In Jounieh suchen wir uns ein Hotel am Meer. Abendessen gibt es mal wieder keins. Ist mir recht, ich bin noch satt. Ich schlafe im Schlafzimmer, Nassib muß auf dem Plastiksofa im Wohnzimmer bleiben. Ich will ihn einfach nicht auf meinem breiten Doppelbett haben. Badezimmer schon wieder recht gut. Ausblick aufs Meer. Kostenloser Sonnenuntergang.

 

Morgens geht Nassib im Pool schwimmen, während ich mir ein paar wenige Sachen fürs Frühstück kaufe.

 

Nach dem Losfahren schon gleich wieder ein Stopp. Wir beschließen spontan, mit der Téléférique einen steilen Berg zu erklimmen, äh, uns erklimmen zu lassen.

Umständlicher Werbetext: Die Gondeln der Teleferique-Seilbahn, eine der ältesten und meistbesuchten Touristenattraktionen des Libanon, sind eine Reise in die Vergangenheit, von einem Pionierprojekt im Jahr 1965 zu einer wunderschön erhaltenen modernen Attraktion mit atemberaubendem Blick auf die Bucht von Jounieh und die umliegende Stadt , der Teleferique ist ein eindrucksvolles Zeugnis vergangener Zeiten, Meter für Meter.

Kleine zweisitzige Kabinen befördern uns rauf, mehrmals knapp an Hochhäusern „vorbeischrammend“. Oben „müssen“ wir zu Fuß nochmal einen Höhenunterschied von fünfzig Metern überwinden, uns stünde auch eine kleine kurze Zahnradbahn zur Verfügung, aber ich möchte es so, und dann stehen wir mitten im „Heiligtum Unserer Lieben Frau vom Libanon“ (Our Lady of Harissa), einem berühmten Marienschrein und einer Pilgerstätte im Dorf Harissa in Libanon.

 

Trotz Corona tummeln sich hier oben viele Menschen. Schön hier oben. Leider ist der gewundene Weg um den Sockel der Statue bis ganz hinauf gesperrt. Kein Wunder, ich hab mich inzwischen daran gewöhnt, daß hier im Libanon alles Mögliche gerade mal wieder gesperrt ist.

Es gibt eine schöne kleine kühle Kirche, in der gerade der Gottesdienst beginnt. Nassib wohnt ihm bis ans Ende bei, während ich die Zeit nutze, mir alles andere hier oben und die Leute anzuschauen; ich mag keinen Weihrauchgeruch.

 

Zurück geht es mit der Zahnradbahn und dann, nach dem Umstieg, mit der kleinen Gondel der Seilbahn wieder runter.

 

Unterwegs im Auto erzählt mir Nassib schon wieder, daß hier an der Küste mal eine Eisenbahnstrecke von der Türkei nach Ägypten verlief. Ich glaubte und glaube es ihm nicht und hielt/halte ihn mal wieder für verrückt. Aber ich habe zuhause doch nochmal recherchiert und muß zu meinem Erstaunen feststellen und zugeben, daß diese Eisenbahnstrecke tatsächlich in den 1940er Jahren gebaut wurde, was ich, topologisch gesehen, doch eigentlich für unmöglich angesehen hatte. Die Küste muß den Ingenieuren bei Planung und während des Baus doch reichlich Schwierigkeiten bereitet haben. Und „oben“ auf bzw. hinter den hohen Bergen, gar nicht mal so weit entfernt, dreißig, vierzig Kilometer, gab es doch die superberühmte Hedschasbahn und die noch berühmtere Bagdadbahn, auf deren Ableger nach Damaskus ich schon gefahren bin. Leider ist von dieser Bahnlinie aber nichts mehr übrig.

Wikipedia: Bahnstrecke Haifa – Beirut – Tripolis

Mein Unglaube besteht übrigens nicht ganz zu Unrecht. Nassib hat mir auf unserer Reise mehrmals steif und fest weismachen wollen, daß in Kanada je nach britischem oder französischem Staat unterschiedlich rechts bzw. links gefahren werden würde und daß er selbst dort lange Jahre gelebt hat und deshalb auch je nach Staat auf der entsprechenden Seite gefahren ist. Hahaha! Er ließ sich nicht davon abbringen und hat sogar einen Schwager angerufen. Aber auch dessen Wissen hat ihn nicht von seinem Irrglauben abbringen können. Als Zugabe behauptet er, und er glaubt auch dieses ganz, ganz fest, daß z.B. in Texas, New Mexico und Washington State in den USA links gefahren werden würde!!! Unglaublich, er macht keinen Spaß mit mir, er meint es vollen Ernstes!!! Ist er vielleicht krank im Kopf? Er hat drei Söhne in Kanada. Einen von ihnen ruft er an, aber dieser meldet sich erst gar nicht, obwohl dort Tageszeit sein muß…

Mit dem Auto geht es an der Deutschen Schule Jounieh mit Kindergarten vorbei in die Berge.

 

Wir haben ja noch immer den eigentlichen Höhepunkt unserer Reise vor uns: Die Jeitah-Grotte!

Heute ist sie geöffnet! Ich habe schon mehrmals von ihr gehört, aber eigentlich nichts Besonderes erwartet. Doch da soll ich mich schwer getäuscht haben!

Auch hier gibt es eine Seilbahn. Wie zu erwarten, sie fährt nicht. Kaputt. Immerhin gibt es noch eine Bimmelbahn, die die Besucher einen leichten Anstieg hinauffährt. Oben angekommen muß jeder, wirklich jeder Besucher, sein Handy unter strenger und aufmerksamer Aufsicht der Wächter:innen in Schließfächer einschließen. Erst dann darf man endlich durch einen hundert Meter langen Tunnel in die Grotte laufen.

 

 

Ich bin sofort tief ergriffen! Etwas solch Wunderschönes habe ich schon lange nicht mehr gesehen! Als Grotte schon rein gar nicht! Und ich war wirklich schon in vielen Grotten. Mehrere riesige und außerordentlich hohe Hallen zeigen uns kleinen Menschen die von oben runterhängenden Stalaktiten und die von unten nach oben wachsenden Stalagmiten. Ich kann die Pracht hier gar nicht beschreiben!! Nicht umsonst ist diese Grotte die Haupttourismusattraktion des Libanon. (Schönes Wort: Haupttourismusattraktion! Wird von der Rechtschreibprüfung auch nicht beanstandet.)

Schade, daß hier keinerlei Foto erlaubt ist. Angeblich wegen der schädlichen Blitzlichter. Wächter passen auch hier streng und aufmerksam darauf auf, daß wirklich niemand fotografiert. Allerdings werden mir dann später erfreulicherweise ein paar wenige konspirativ erzeugte Fotos zugespielt. „Es gibt halt immer einen Weg…“

 

Es gibt ja eine ganze Reihe Weltwunder der Neuzeit und diese Grotte ist tatsächlich und ganz offiziell unter den dreißig schönsten neuen Weltwundern. Für mich müßte sie ganz oben an der Spitze stehen!

Wikipedia: Jeita Grotte

 

Und hier noch der Link zu den unzähligen wirklich sehenswerten Fotos:

Wikipedia: Jeita Grotto FOTOS

Danach bummeln wir den Hang wieder etwas runter, vorbei am „Hüter der Zeit“ bzw. „Neptunbrunnen“ von Tony Farah neben dem Eingang der unteren Grotte.

Die zweite, kleinere Grotte ist nicht ganz so spektakulär. Hier werden die Besucher von (elektrisch angetriebenen) Motorbooten durch einen Fluß durch die Unterwelt gefahren. Auch nicht schlecht.

Weil wir noch einen relativ weiten Weg vor uns haben und Nassib mir auch eine andere Route zeigen will, geht es danach so schnell wie möglich wieder weiter. Einfacher wäre die Autobahn nach Süden am Meer entlang.

Über einen wirklich langen steilen Weg geht es ganz hinauf in die Berge, durch Nebelwolken hindurch, bis wir diese durchstoßen haben und wieder in der reinen, klaren Sonne sind.

Bald geht es wieder runter. Hinunter ins Bekaa-Tal. Durch Zahlé durch. Nein, nicht durch Zahlé, nach Zahlé. Hier nehmen wir einen spätnachmittäglichen Imbiß ein. Ein unvergeßlich gutes Fischfilet, mit Pommes und etwas Salat. Alles zusammen wird mit zwei Beirut-Bieren runtergespült. Was ich nicht mehr essen kann, wird anschließend noch von Nassib „vernichtet“. Komplett, bis auf den letzten Krümel. Unsere beiden Teller sind am Ende schon wieder wie geleckt sauber. Wie immer.

Danach, die Fülle haut mich fast um, noch jede Menge süßer Früchte.

Auch das ist libanesische Lebensart. Zur Abwechslung mal eine angenehme.

In der langsam untergehenden Sonne geht es mit vollem Bauch nach Westen, auf einer mir inzwischen gut bekannten „Schnellstraße“ erst einen Berg hinauf und dann über schmale Straßen im Dunkel der Nacht den Berg runter und durch ein paar kleine Dörfer. Wie so oft muß ich oft die Augen schließen. Nassib hat übrigens noch immer seine Badehose an, dazu sein zu kurzes „bauchfreies“ Hemd und seine Fila-Badelatschen, er hat sich morgens nach dem Schwimmen im Pool erst gar nicht geduscht und auch nicht umgezogen. Levantinisch.

 

Ich trage bauchfrei! Mein Bauch gehört mir!

 

Endlich sind wir am Ziel und ich kann wieder atmen. Aufatmen. Wir werden bereits erwartet. Alains Familie hat bereits ein abendliches Asterix-und-Obelix-Abschluß-Festmahl für uns vorbereitet. Arrak und Whisky fließen dazu in Strömen.


Ich werde nie verstehen, warum wir vorhin noch die „Völlerei“ in Zahlé veranstalten mußten, aber Libanesen kann man sowieso oft nicht verstehen.

Die komplette Familie ist natürlich wieder versammelt. Und ein paar weitere Leute. Alle sind sehr freundlich mir gegenüber. Diesmal sind wir im Haus von Alains Vater.

 

 


Es wird spät, recht spät, Mitternacht, als Nassib und ich uns schließlich von allen verabschieden. Ich habe hier wirklich ein paar sehr liebe Freunde gefunden. Das Herz wird mir etwas schwer. Morgen muß ich heim. In einem Zimmer warten zwei saubere Betten auf uns.

Der nächste Tag ist Sonntag. Heute ist der Tag meiner Heimreise. Erstmal gibt’s Frühstück. Quark mit Olivenöl und Oliven. Und das obligatorische Fladenbrot, das ich aber nicht mag.

 

 

Doch vor der Abfahrt „muß“ noch rumgeballert werden! Die zwei „großen“ Jungs, 17 und 19 Jahre alt, fahren mit mir in unserem Kia etwas raus aus dem Dorf und ich darf mit einem Gewehr und einer Kurzwaffe auf eine unschuldige Plastikflasche schießen – und treffe jedes Mal. Zufall. Glück. (Aber es sind auch „nur“ Schrotpatronen. War also keine große Kunst. Die Flasche war leer und Pfand kennt man im Libanon natürlich auch nicht.) Und das bei meiner allseits bekannten pazifistischen Abscheu gegenüber jeglichen Waffen! Ich gebe es zu, zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust. Es gab auch insgesamt nur vier Patronen, mehr sind nicht im Haus.

 

Nein, nein, nein! Ich lach gar nicht! In Wirklichkeit hab ich Angst.

 

Bald sind wir zurück und dann heißt es endgültig, von den lieben Menschen in Alains Familie Abschied nehmen. Alle kommen mit bis an unser Auto, das wegen der Enge im Dorf etwas entfernt steht.

Jetzt müssen wir noch zu Nassibs Haus in der Nähe, wo er unser Auto etwas ausräumt und sein Gepäck zurückläßt, und wir eilen schnurstracks weiter den Berg hinunter nach Sidon und auf die Autobahn und zum Flughafen.

 

Wir nehmen beide Abschied voneinander. Nassib ist wirklich der beste meiner Freunde. Er hat mir erneut einfach ohne jeden Hintergedanken zehn Tage seiner Lebenszeit geschenkt und hat mich selbstlos durch sein Land kutschiert, um mir „alles“ zu zeigen. Wenn die Fahrerei auch, hmm, „besonders zügig“ war. Hamdulillah. Gottseidank. Alles ist gutgegangen!! Ich danke besonders meinem Schutzengel, der wohl wieder reichlich Arbeit gehabt haben dürfte. Nassib sagte mir unterwegs mehrmals, daß ich jetzt neunzig Prozent des Libanon kennen würde, was natürlich gar nicht stimmen kann. Die restlichen zehn Prozent könnten wir uns dann nächstes Jahr noch vornehmen. Erstmal abwarten, was nächstes Jahr ist.

Shukran jazilan. Herzlichen Dank Euch allen! Es war mir eine Freude! Meistens.

Die Kontrollen beim Abflug in Frankfurt waren ja reines und schnelles Vergnügen. Hier werde ich dagegen durch fünf, sechs Kontrollen reichlich geärgert, jedes Mal stehe ich mir lange die Beine in den Bauch, bis ich endlich durch bin. Ich frage mich, was die vielen Leute um mich herum hier überhaupt wollen, wo doch kaum Flugzeuge abfliegen, jedenfalls kann ich draußen außer unserem LH-Flieger nur noch ein paar ganz wenige MEA-Flugzeuge sehen. Endlich durch, kann ich meine restliche Wartezeit noch etwas in der sparsam ausgestatteten fast leeren Lounge vertrödeln.

Diesmal bringt uns Käpt’n Pit Schröder und seine Mannschaft planmäßig zurück nach FRA. (Frage: Gibt es jetzt in dieser bekloppten Zeit eigentlich auch schon eine Frauschaft?)


Doof: Wie schon beim Abflug in Frankfurt müssen wir auch nach der Landung hier in Ffm alle wieder in den Flughafenbus umsteigen. Außenposition. Warum machen die das? Ich sag’s ja immer, die LH ist doof! Welch einen Luxus gab es dagegen auf meiner letzten Libanonreise im Vorjahr mit der voll angenehmen MEA (Middle-East-Airlines)! Aber da war mir diesmal die Bucherei etwas umständlich. Dumm von mir.

Zugfahrt ist unspektakulär. Mit dem Taxi geht es dann noch die restlichen fünf Kilometer ganz nachhause. Eine wundervolle Reise, mit vielen, sehr vielen neuen Erkenntnissen und ebenso vielen kleinen Streitereien mit Nassib. In ihm stecken Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Mal ist er sehr freundlich und dann, kaum wiederzuerkennen, ist er ein streitlüsterner, rechthaberischer Fiesling. Wenn er dabei nur nicht immer so laut wäre. Er so laut und ich mit meiner Piepsstimme so leise. Fast so unterschiedlich, wie ganz früher Pat und Patachon mit ihrem Aussehen. Besonders unangenehm wird es, wenn er mein Seitenfenster öffnet, um ständig und überall Leute nach dem Weg zu fragen. Schilder gibt es im Libanon eher selten und wenn, dann sind sie sehr oft sehr klein. Ich muß mir dann regelmäßig mein linkes Ohr zuhalten. Er fragt aber auch genauso oft nach links raus Leute oder hält mit rausgehaltenem Arm sehr gerne entgegenkommende Autos an.

Ich bin sehr froh, die neue Reise unternommen zu haben. Immerhin bin ich inzwischen ja schon „fast ein halber Libanese“ und kenne mich mit immer mehr Gebräuchen und Gepflogenheiten aus. Und wir waren oft bzw. fast überall alleine oder fast alleine, arabische Touristen gab es manchmal, westliche nicht, ich war immer der einzige. Natürlich mußte ich Nassib und wirklich allen Leuten in Alains Familie fest versprechen, möglichst bald wiederzukommen und ich freue mich auch schon darauf. Unter der Bedingung, daß Nassib beim nächsten Mal, vielleicht im Frühjahr ‘22, nur als Dolmetscher mitkommt, aber nicht mehr selbst fährt! (Alle nicken verständnisvoll mit dem Kopf und grinsen dabei.) Alain hat mir fest versprochen, daß wir dann seinen ordentlichen GMC nehmen und daß er selbst fahren wird. Mal sehen.

 

Schaun wer mal…

 

 

 

Fotokapitel:

 

 

Streng verboten! Auf diesen Stuhl durfte ich mich auf gar keinen Fall setzen

Sehr alter Wasserhahn. So schön, daß er auch in unsere Zeit paßte

 

Elektroinstallationen im Libanon…

 

 

 

 

 

Einfach mal ein Phantasie-Kennzeichen nachempfinden…

Die Heilige Maria in Bechwat

Autos und Lkw aus D sind hier äußerst beliebt. Wenigstens mit dem alten D-Aufkleber. CH auch gerne.

Harleys gibt es jede Menge im Libanon

Vernünftige Leute wollen auch vernünftigen Kaffee trinken

Ach! Hier ist die Arche also gelandet… 😉

Biblos

Das alte Biblos

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn unser Tisch soo lang ist, warum nicht??! (Süßstoff hab ICH mitgebracht!)

 

 

Da oben müssen wir hin. Aber nicht heute. Morgen, mit dem Auto…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Echt interessante Art der Leitungsverlegung. Sehr originell!

 

 

Quasi cedrus exaltata sum in Libanon  (Ich bin wie eine stolze Zeder im Libanon)

 

Angst! Pure Angst! Wie der fährt! Ich hab so Angst!!! Hilfe!

Unfall. Schon wieder. Naja, so, wie die fahren! Kein Wunder. Es gab unterwegs wirklich viele Unfälle…

 

 

Mannomann war sie süß! Soooo süß! Die Kleine war fürs Fladenbrot an den Tischen zuständig.

 

Cathérine. Meine kleine junge Lieblingsfreundin in Alains Familie.

Evelyne. Christine. Cathérine. Meine neuen Freundinnen.

Papa. Alain.

Mama. Nassib. Eli. Jean-Pierre. Charbel.

 

 

 

 

 

 

Mein Freund Eli.

Mein Freund „Bullet“. Ein Rüde. Er hat nur immer an das „Eine“ gedacht, auch wenn es nur (m)ein Männerbein war…

Golf meines stolzen Freundes. Ich „mußte“ das Foto ihm zuliebe machen. Sah aber auch noch ganz gut aus.

 

 

Eli mit seiner Mama.

 

 

Mein syrischer Freund Fouad im Hause Nassibs

 

 

Frankfurt beim Landeanflug

 

 

 

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Und hier, wie oben versprochen, ein Extra-Kapitel für Kirchen und Kapellen, die wir beide besucht haben. (In Wirklichkeit waren es noch mehr. Ja, eigentlich war es eine Art Pilgerreise…):

 

 

 

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Hier noch ein paar Hinweise und Bemerkungen von mir:

„Libanon is cheap“. Der Libanon ist billig. Nassib ließ es mich ununterbrochen wissen. Ich muß und will und darf es gerne bestätigen. Auf der gesamten Reise habe ich für uns beide gerade mal dreihundert Euro umgetauscht. Plus 80 Dollar (70 Euro) fürs erste Hotel in Beirut und 180 Dollar (150 Euro) Leihgebühr für neun Tage mit dem Kia aus meinem Dollarvorrat, den ich ständig dabei habe. Für Notfälle. Und den Rest an libanesischer Währung hab ich am Ende den Mädchen gegeben.

Mit dem Insekten-Stich/Biß hat sich am Ende alles gut ergeben. Ein paar Tage war meine Handoberfläche gerötet und sie tat auch oft sehr weh, aber schließlich wurden die Beschwerden weniger und inzwischen ist alles wieder gut und vergessen.

Man fährt im Libanon womit man will. „Es“ sollte möglichst einen Motor haben. Alles andere ist unwichtig. Es gibt die teuersten Luxusautos, Rolls Royce, Bentley, sämtliche Mercedesse mit und ohne AMG, (einen AMG GT 63 S hab ich auch mal gesehen), Maserati SUVs, Camaros und Mustangs, Audis, BMWs, Porsches, VWs usw. Und am unteren Ende die schlimmsten reinen „Fahrgestelle“, ohne alles, nur mit einem zerfetzten Sitz, Motor und vier Rädern. Dazwischen ist alles möglich. Es gibt so gut wie keine Geschwindigkeitskontrollen. Ich habe nur eine von weitem erkennbare in Beirut gesehen, und ein paar Schilder in einem Dorf ohne tatsächliche Überwachung. Nummernschilder sind unwichtig; viele Autos besitzen keins oder haben z.B. auch gerne seit vielen Jahren abgelaufene deutsche Überführungskennzeichen dran, oder entstempelte deutsche, oder holländische, englische. Oder man erfindet einfach mal ein deutsches Phantasiekennzeichen…

Es gab so gut wie keinen Regen, nur einmal nachts. Tagsüber war es immer sehr heiß, nachts ganz oben auf den Bergen war es etwas kühl. Das war aber angenehm, weil ich ja immer ein offenes Fenster benötige.

Im Libanon gibt es unglaublich viele Religionsgemeinschaften. Die größten sind die Christen und dann der schreckliche Islam. Auch ein paar Juden und eine Synagoge in Beirut gibt es. Die Dörfer sind meistens „entweder/oder“. Ich drücke es mal so aus: Der Norden und vor allem der Süden sind meistens in Moslemhand. Also schmutzig. Beirut ist halb und halb, die Innenstadt christlich, eher sauber und im südlichen Beirut moslemisch schmutzig (und nachts gefährlich!). In der Mitte des Landes ist es christlich. Das schreckliche, unerträgliche Lautsprechergeschrei der Muezzine (ähm, sorry, korrekt heißt es „Muezzins“) habe ich mir nur einmal am Morgen nach meiner Ankunft in Beirut anhören müssen. Einen buddhistischen Tempel gibt es übrigens im ganzen Land keinen.

Und noch etwas. Nassib wies mich jeden Tag darauf hin: „Libanon is paradise!“ Naja, von Paradies hab ich hier noch nichts bemerkt. Eher im Gegenteil. Alles nur Steine, hohe und oben völlig kahle Berge, alles grau und braun, wenig Grünes, und wenn, dann immer steinig, dazu schlechte und sehr schlechte Straßen – und sehr viele Moslemgebiete, also schmutzig und gefährlich. Wer will hier schon freiwillig leben?! Strom fällt sehr oft aus. Vor allem nachts ab 23 Uhr, aber auch sehr oft tagsüber. Große stinkende Generatoren müssen dann einspringen, um mit ihren Abgasen alles zu verpesten. Ich solle doch unbedingt hierherziehen und ein Haus bauen oder kaufen, „very cheap“, sehr billig, sagte er mir ohne Unterlaß. Und hier soll ich meinen Lebensabend verbringen??? Irmgard würde hier sofort eingehen! Mann, Alter, is‘ der bekloppt! Ich ärgerte ihn dann oft mit meinen Bemerkungen zu Thailand. Dort ist alles grün und bunt, mit vielen freundlichen Menschen und noch freundlicheren jungen Frauen. Und so friedlich. Dort ist mein Paradies! Doch er konnte es in seiner Engstirnigkeit nicht verstehen. Und er hörte es auch nicht.

Und ich muß es unbedingt noch loswerden: Ich hab hier ja eher ungewohnte, oft auch besonders schlimme Dinge über unsere Reise erzählt. Natürlich war nicht alles so schlecht oder negativ, wie es hier möglicherweise rüberkommt. Vieles war auch sehr schön und oder überaus angenehm. Ich war wirklich oft gechillt. Sonst wäre ich ja auch nicht schon das zweite Mal in den Libanon gekommen. Aber wir wissen es ja alle: „Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten!“ Jeder Journalist lernt diesen Leitsatz am ersten Tag. Nassib und ich hatten oft auch Spaß miteinander, z.B. wenn wir Frauen auf dr Straße nach jeweils unserem Geschmack einteilten: Er nannte Frauen hübsch – und ich sagte dann „häßlich“. Und umgekehrt. Nach meiner Meinung sind natürlich sind alle Frauen, wirklich alle Frauen, hübsch und gutaussehend, jede auf ihre Art. Aber das konnte Nassib dann wieder eher nicht verstehen. Ja, ich seh schon, ist eigentlich ein eher schlechtes Beispiel für unsere Späße und Witzeleien miteinander. Aber es gab sie! Deshalb sind wir auch fast immer beste Freunde. 🙂 

 

 

 

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+++ Neueste Nachrichten aus dem Libanon +++ 

 

Ich bin tief erschüttert:

14. Oktober 2021. Elf Tage nach meiner Rückkehr. Die aktuellen Medien berichten heute über schwere neue „bürgerkriegsähnliche“ Unruhen und Kämpfe in Beirut und anderen Städten des Libanon mit vielen Toten und noch mehr Verletzten. Dieses Land wird wohl nie zur Ruhe kommen, weil diese von mir so gehaßten fanatischen Moslem-Idioten einfach keine Ruhe geben. Nicht zu vergessen: Die fürchterliche Korruption und Vetternwirtschaft in der Regierung.

 

FAZ vom 14.10.2021, Originalzitat: 

 

In Beirut ist es zu den heftigsten Gefechten seit langem gekommen. Vieles spricht dafür, dass ein Machtkampf um die Ermittlungen wegen der Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 dahinter steht. Droht ein neuer Bürgerkrieg?

Das ist ein kleiner Bürgerkrieg“, sagte ein Anwohner von Badaro, einem Stadtviertel im Herzen Beiruts, das eigentlich für seine Cafés und Bars bekannt ist. Da waren die Straßen schon wie leer gefegt. Die Armee hatte die Gegend abgeriegelt, der Mann selbst hatte noch schnell die Kinder aus der Schule geholt und harrte fortan zu Hause aus, während in den umliegenden Vierteln noch immer Schüsse krachten. Die Szenen, die sich am Donnerstag [14.10.2021] über Stunden in der Gegend abspielten, weckten bei vielen in der libanesischen Hauptstadt Sorge oder schlimme Erinnerungen. Vermummte Männer, die mit Sturmgewehren und Panzerfäusten auf Wohnhäuser feuern, Menschen, die in Panik vor den Gefechten fliehen. Es kursierten Bilder von Schulkindern, die im Klassenraum unter ihren Tischen oder auf dem Flur Schutz suchen. Immer wieder kommt es in Libanon zu Gewaltausbrüchen…

 
 

 

 

 

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© WILFRIED VIRMOND 2002 – 2021

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Ich bitte um Verständnis, ich bin oldschool und verwende deshalb größtenteils die alte Rechtschreibung
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Bei mir wird nicht gegendert! Sorry, det is nur wat für Schwule/Lesben/Diverse. Oder Beamte.
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>>>  Wilfried Virmond bei Facebook

 

 

 

 

Hier mal wieder eine Weisheit des Dalai Lama:

 

Bleib so wie Du bist! Es gibt schon genug von den andern…

 

 

 

 

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Meine Reiseberichte sollten nur von deutschsprechenden Menschen gelesen werden

 

 

 

 

 

 

 

Sonntag, 17. Oktober 2021. Seit heute Morgen habe ich ein paar ganz wichtige und überaus informationsreiche Sendungen zum Libanon auf Arte gesehen – und bin im Nachhinein über meine naive, bedenkenlose, unbedarfte, dumme Ahnungslosigkeit doch sehr erschrocken. Dieses Land ist viel kaputter als ich gedacht habe. In den 50er und 60er Jahren war es mal wirklich eine elegante Perle am Mittelmeer, die Schweiz des Orients, mit unendlich viel Geld und Luxus. Aber dann begannen schreckliche Kriege, fast ohne Unterlaß, dreißig, vierzig Jahre lang, vor allem zwischen 1975 und 1990. Drahtzieher waren das Land des Teufels, der Iran, Israel, Syrien, die PLO, die Hisbollah, Streitereien zwischen Christen und Schiiten und wer weiß ich noch alles. Die USA und Frankreich konnten dort letzten Endes auch nichts ausrichten und zogen sich erfolglos wieder zurück. Das alles kann kein Land aushalten und der kleine Libanon schon gar nicht! Inzwischen gehört das Land zu den ärmsten und es geht noch immer nach unten. Die neuen aktuellen Unruhen haben dort ja schon direkt nach meiner Heimkehr wieder begonnen. Ich war auf meinen beiden Reisen also in viel größerer Gefahr als ich dachte. Und meine dritte Reise in den Libanon 2022 wird mich vielleicht wirklich in die Hölle führen.

Und weil die aktuelle Situation und diese Bemerkungen und überhaupt meine Gedanken so schlimm sind, hab ich sie hier ganz, ganz unten „versteckt“. Bis hierhin wird kaum jemand lesen. Ich muß die Situation nächstes Jahr wohl etwas sorgfältiger prüfen müssen!!